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Kairos bezeichnet den geeigneten Moment,
den günstigen Zeitpunkt, den besonderen
Augenblick. Hier kann sich mehr oder
weniger das Leben entscheiden! Hier gilt es
sprichwörtlich die Gelegenheit
beim Schopfe zu packen. Jeder Mensch weiss, dass
er nicht unendlich viele Gelegenheiten bekommen wird, etwas zu tun. Und
jeder weiss auch, dass diese Gelegenheiten nicht
gleich gut sein werden, sondern dass man eben
die richtige, den kairos finden muss.
Dargestellt als schöner Jüngling;
er steht über der Zeit
(rollender Ball als Symbol für die ständig dahinrennende Zeit),
er hält eine Rasierklinge in
der Hand, weil er die Zeit einschneidet,
er hat sein Haar zu einem
Schopf nach vorne, an dem man ihn packen kann.
Kairos ist über keiro (abschneiden) mit krinein
verwandt. Das heisst scheiden, trennen, unterscheiden, aber auch
entscheiden, ein Urteil fällen. Das Substantiv dazu heisst krisis. Die
krisis ist die Trennung, der Einschnitt, bedeutet aber auch Entscheidung
eines Wettkampfes, eines Streites, auch eines Rechtsstreites, und dann
heisst krisis Gericht. Kairos ist also in seiner temporalen Bedeutung eine
Krise der Zeit. Im kairos werden die Zeiten unterschieden. Eine Zeit dauert
von kairos zu kairos bzw. von krisis zu krisis, nicht etwa, wie z. B. Zenon
schon und später Augustinus meinten von nyn zu nyn, jetzt zu jetzt, denn dem
Jetzt fehlt eben das Entscheidende, die Unterscheidung, das kriterion. Jedes
Jetzt ist genau gleichwertig zu jedem anderen Jetzt, so wie die Punkte einer
Geraden gleichwertig und unendlich an der Zahl sind.
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